Effektiveres Lernen in Dienstleistungsunternehmen
08.07.2016

Tipp 1: Lernziele Festlegen – Arbeiten mit ePortfolios 2.0

Aus der Beitragsreihe 10 Tipps zum Lernen in Dienstleistungsunternehmen

Ziele als wichtiger Baustein beim Lehren und Lernen

Lehr- und Lernziele sollten der Dreh- und Angelpunkt guter Weiterbildung sein. Denn es sind unsere Ziele, die uns antreiben, besser zu werden, und die uns bei täglichen Aufgaben motivieren. Häufig wird im Bereich der Bildung primär über die Ziele des Lehrenden gesprochen. Diese sind die Basis, um mit Hilfe von verschiedenen Instruktionen die Lehre zu strukturieren und zu verbessern (ein eigener Artikel zu dem Thema Strukturierung folgt in Kürze). So kann ein Dozent mithilfe von Lehrzielen festlegen, ob er sich stärker mit Wissenserwerb, Routinenbildung oder Problemlösen beschäftigen möchte und seine Instruktionen so auswählen und zusammensetzen, dass dieses Lehrziel erreicht werden kann. Idealerweise erkennen Lernende aufgrund der gewählten Strukturierung das Lehrziel des Lehrenden – selten genug wird es explizit genannt –  und sie können ihr Verhalten in der Lehre diesem Lehrziel anpassen. Hier wird jedoch ein großes Problem sichtbar: Oft ist dem Dozierenden nicht bewusst, welches genaue Lehrziel ihn antreibt und mit welchen Methoden und Instruktionen er dieses Ziel erreichen kann. Dann treiben die zu vermittelnden Inhalte die Lehre an.

Ein ähnliches Phänomen sehen wir auch bei Lernzielen. Vielen Lernenden ist nicht wirklich bewusst, was sie eigentlich lernen oder wohin sie sich weiterentwickeln möchten. Das Lernziel beschreibt das Ergebnis, welches der Lernende durch die Aneignung neuen Wissens oder neuer Kompetenzen zu einem bestimmten Zeitpunkt erreichen will. Lernziele können etwa oberflächlicher Natur sein, z.B. ich möchte etwas über das Thema „Exploratives Testen“ erfahren. Oder sie stellen eine intensive Auseinandersetzung mit einem Thema dar, die vielleicht sogar über eine Prüfung hinausgeht und in einer eigenen neu konstruierten Lehrveranstaltung zu diesem Thema endet.

Selbstbestimmte Lernziele vs. Unternehmensvorgaben

Die beschriebene Definition von Lernzielen geht meist von einem selbstbestimmten Lernenden sowie expliziten Lernzielen aus. Das bedeutet, dass der Lernende selbst seine Ziele festsetzt und sich dieser Ziele auch bewusst ist. Das ist jedoch in der Praxis nicht immer der Fall. Viele der Lernziele werden nicht unbedingt vom Lernenden entschieden, sondern von anderen Personen bzw. Institutionen. So entscheiden in der Schule Lehrpläne und in der Universität Professoren, welche inhaltlichen Ziele zu verfolgen sind. Und wie sah es mit dem Schulabschluss aus: war er vom Lernenden selbst gewählt? Manch einer erinnert sich, dass die Eltern hier einen entscheidenden Einfluss ausübten.

Sieht die Lage bei der Weiterbildung in Unternehmen anders aus? Der Mitarbeiter selbst sollte idealerweise selbstbestimmt in der Lage sein, sich in die Richtung weiterzuentwickeln, die seinen Interessen und Stärken entspricht. Andererseits führt das Unternehmen, häufig vertreten durch eine Führungskraft, Ziele an, die mit Hilfe verschiedener Lerninhalte zu erreichen sind. Wenn die Führungskraft eventuell sogar ohne Absprache die Weiterbildungen festlegt, werden schnell nicht mehr die Lernziele des Lernenden verfolgt. Das kann sich negativ auf die Motivation des Mitarbeiters auswirken und zu schlechteren Lernleistungen führen. Ein Verbesserungsvorschlag lautet: Zunächst halten Mitarbeiter und Führungskraft ihre Lernziele separat fest und schaffen so die Grundlage für die gemeinsame Diskussion. Wenn sie anschließend das Ergebnis notieren und messbar machen, können sie auch langfristig auf die verschiedenen Lernziele zurückgreifen und damit arbeiten.

Explizte vs. implizite Lernziele

In der Realität – sei es der universitäre Lehrbetrieb, sei es die Arbeitswelt – ist selten zu belegen, dass Lernziele den Lernenden bewusst und somit explizit sind. Viel eher sind Lernziele impliziter Natur und dem Lernenden ist selbst nicht bewusst, welches Lernziel erreicht werden soll. So möchte sich der Lernende vielleicht nur einen Überblick verschaffen und verstrickt sich aufgrund der falschen Auswahl der Lernmaterialien immer mehr in Details. In der Folge werden Lernkurse abgebrochen. Insbesondere dann, wenn der Lernende das Gefühl hat, die Inhalte sind nicht das, was er "erwartet" hat. Erst während der Lerneinheit wurde dem Lernenden klar, dass er eigentlich etwas Anderes bräuchte, um sein (immer noch) implizites Lernziel zu erreichen.

Bei expliziten Lernzielen hat sich der Lernende mit seinen Vorstellungen und Erwartungen bereits auseinandergesetzt und idealerweise darüber reflektiert. Dadurch entstehen ausdrückliche und differenzierte Lernziele, deren Ergebnisse messbar sein sollten. Explizite Lernziele des Lernenden selbst ermöglichen es, darüber zu kommunizieren und diese Lernziele anzupassen. Sie können als Grundlage für Gespräche mit der Führungskraft dienen und aufzeigen, wenn in der Weiterbildung zum Beispiel deren Ziele überwiegen oder der Mitarbeiter gar keine eigenen Lernziele formuliert hat. Explizite Lernziele haben darüber hinaus den Vorteil, dass sie messbar sind und der Fortschritt des Mitarbeiters sichtbar wird. Auch dieses Wissen um erreichte bzw. nicht-erreichte Lernziele eignet sich hervorragend als Grundlage für Gespräche und zur Abstimmung weiterer Ziele.

ePortolios 2.0 als Hilfestellung für eine selbstbestimmte und explizite Weiterbildung

Der Begriff des Portfolios beschreibt eine Sammlung von Objekten; diese werden häufig im Aktiengeschäft eingesetzt. So werden im Portfolio die gekauften Wertpapiere abgebildet. Ein ePortfolio ist das gleiche – in diesem Zusammenhang handelt es sich bei den gesammelten Objekten um das Wissen bzw. die Kompetenzen des Lernenden. ePortfolios werden zurzeit immer wieder in der Hochschulbildung eingesetzt: sie zeigen auf, welches Wissen bzw. welche Kompetenzen Studenten schon erworben haben, auch über das Curriculum hinaus. So machen sie den aktuellen Wissensstand und eventuelle Lücken explizit. Und sie unterstützen Studierende, nach dem Studium schneller und einfacher ihre Bewerbungen zu schreiben, da diese sich über ihre Fähigkeiten besser im Klaren sind. Für einen ähnlichen Zweck, nämlich Beraterprofile, lassen sich ePortfolios ebenfalls hervorragend einsetzen.

ePortfolios 2.0 lassen den Lernenden zusätzlich seine Ziele bestimmen und festhalten. Dadurch setzt sich der Lernende mit seinen Lernzielen auseinander und hält sie explizit fest. Im Gespräch mit der Führungskraft holt er diese Liste der Lernziele hervor und gleicht sie ab. Wenn die Lernziele anschließend noch Deadlines erhalten, entsteht häufig eine echte Bindung des Lernenden zu seinen Lernzielen. Ziele explizit machen plus anschließende Kommunikation – so erhält die Führungskraft die Möglichkeit, ihren Mitarbeiter zu unterstützen, um die festgelegten Ziele bestmöglich zu erreichen.

Leider sind gute ePortfolio-Tools, die den Lernenden (und idealerweise auch den Vorgesetzten) beim Festschreiben der aktuellen Kompetenzen oder gar Ziele unterstützen, noch Mangelware. Deshalb bietet sich für einen ersten Versuch der Lernzielbestimmung z.B. der Einsatz von Evernote an. Empfohlenes Vorgehen:

  1. Der Lernende bestimmt die Inhalte, mit denen er sich in der nahen Zukunft beschäftigen möchte, zum Beispiel die Rolle des Product Owner.
  2. Der Lernende bestimmt die Qualität, in deren Tiefe er sich mit den Inhalten auseinandersetzen möchte. Ob etwa nur ein Buch gelesen werden soll oder am Abschluss ein Zertifikat steht.
  3. Der Lernende bestimmt die Deadline, bis wann das Ziel zu erreichen ist.
  4. Mitarbeitern ist die Zielabstimmung deutlich aufwändiger. Festzulegen sind zumindest die Inhalte, die vom Mitarbeiter zu bearbeiten sind, während sich Qualität und Deadline auch noch im Gespräch aushandeln lassen.
  5. Vor dem Gespräch ermöglichen sich die beteiligten Personen gegenseitigen Zugang zur Lernziel-Liste. An dieser Stelle lässt sich für das jeweilige Unternehmen diskutieren, inwiefern sich eine eingeschränkte Zulassung als besser erweisen könnte.
  6. Ein offenes Gespräch zwischen Mitarbeiter und Führungskraft, in dem die Ziele abgestimmt und Maßnahmen erörtert werden: etwa zur Frage, wie können diese erreicht werden, etwa mithilfe eines Mentoring-Programms oder einer betreuten Schulung.
  7. Abschließendes Festhalten der festgelegten Ziele, evtl. ihrer Reihenfolge und Priorität sowie der Maßnahmen, wie diese erreicht werden können.


ePortfolios 2.0 sind ein geeignetes Mittel, um Mitarbeiter dazu anzuhalten, sich mehr mit ihren Interessen und Zielen auseinanderzusetzen. Sie dienen einer gerichteten Kommunikation, bei der idealerweise Mitarbeiter und Führungskraft neue Erkenntnisse gewinnen. Eine geeignete Software unterstützt die Festlegung der Lernziele, ihrer Qualitäten und der Deadlines sowie das eigentliche Gespräch.

Wir freuen uns über Fragen und Anregungen zu dem Thema Lernen mit ePortfolios – Happy Learning!

 

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"Soziale Medien wie Facebook, Twitter und Blogs sind ein wichtiger Teil unseres Alltags geworden. Wir teilen Lebensereignisse, unser Essen und Cat Content mit unseren Freunden und Bekannten. Wegen der hohen Verbreitung wird immer wieder die Frage aufgeworfen ob man soziale Medien nicht auch für die Lehre und fürs Lernen einsetzen kann. Unser nächster Blogeintrag beschäftigt sich mit dieser Frage."

 

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