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Das Wearables Experiment

20.09.2016

geschrieben von

Boris

Das Setting

Ende 2015 wurden Wearables zum absoluten Hype. Produkte, die bis dahin Zukunftsmusik waren, wurden Realität. Apple stieg in den Markt ein und täglich gab es neue Meldungen über intelligente Armbänder, Uhren und die wundervollen Möglichkeiten, die sie mit sich bringen.
Um sich detaillierter mit diesem Hype auseinanderzusetzen, fingen wir zu dieser Zeit mit unserem In-House Experiment an.

Alle teilnehmenden Mitarbeiter sollten jeweils eine Apple Watch und ein Android Wear Gerät (in unserem Fall, Sony SmartWatch 3), ggf. inklusive eines kompatiblen Smartphones, für zwei Wochen zum Testen bekommen. Voraussetzung: Am Ende des Experiments trägt jeder seine Erfahrungen in einen von uns extra vorbereiteten Fragebogen ein. Am Experiment haben schließlich 15 Mitarbeiter teilgenommen, und es ergaben sich drei interessante Patterns, die ich im Weiteren gerne vorstellen möchte.

Erwartungen

Interessanterweise hat jeder, der über Wearables nachdenkt, ähnliche Erwartungen. Die meisten Menschen erwarten, dass das Gerät einen echten Nutzen bringt und den Alltag erleichtert. In die gleiche Richtung geht die zweite weitverbreitete Erwartung: Viele gehen davon aus, dass das Wearable ein Ersatz für andere Geräte ist, insbesondere für das Smartphone. Dabei legt die Mehrzahl der Nutzer den mit Abstand größten Wert auf die Geräteoptik. UI/UX und technische Spezifikationen teilen sich den zweiten Platz. Kein Wunder also, dass die schicke Apple Watch deutlich höhere Punkte als die Sony SmartWatch 3 bei unseren Kollegen erzielt hat. Die Benutzerfreundlichkeit der Apple Watch wurde im Durchschnitt mit 3,25 von 5 möglichen Punkten bewertet, was um 0,75 Punkte über dem Durchschnitt der Android Watch liegt. Die gleiche Tendenz kann man auch in den Kategorien “Look’n Feel”, “Response Rate” und “Handhabung unter unterschiedlichen Wetterbedingungen” beobachten.

Zusammengefasst: Der Mensch von heute möchte frei sein von Smartphones, Laptops und Tablets. Viele sehen Wearables als Lösung, die genau das verspricht. Da die Uhr kulturell eher mit den Attributen Stil und Status verknüpft ist, wird besonders viel Wert auf das Aussehen gelegt. Technik und Benutzerfreundlichkeit sind für Wearables halb so wichtig wie das Äußere.

Use Cases

Auch wenn sich die Teilnehmer unseres Experiments einig waren, was Erwartungen und Erfahrungen mit den zur Verfügung gestellten Modellen angeht – die Use Cases, in denen die Uhren verwendet wurden, waren recht unterschiedlich. Jeder probierte seine Lieblingsapps auf dem neuen Gerät aus, versuchte die Uhr so zu verwenden, dass sie ihm das Leben vereinfacht, und experimentierte mit neuen technischen Möglichkeiten. Getrieben wurden die Use Cases zum großen Teil von den technischen Möglichkeiten. So hat zum Beispiel fast jeder Teilnehmer mit der Apple Watch telefoniert, weil diese Funktionalität im Betriebssystem integriert ist. Für Android Wear musste man zuerst eine zusätzliche App installieren. Das schlug sich auch in den Testzahlen nieder: mit der Android Wear telefonierten nur halb so viele Personen wie mit der Apple Watch.

Außerdem führte der Push-Charakter von Wearables dazu, dass die meisten Use Cases in irgendeiner Form mit Kurznachrichten und Anschauen kleiner Informationseinheiten (etwa Kalendertermine, Instagram-Bilder) zu tun hatten. Eine große Rolle spielte auch, ob die Smartphone-App bereits einen Satelliten für Wearables hatte, oder ob die App extra für die Watch zu installieren war – Watch-eigene Apps verschafften es, selbst unter unseren technikaffinen Mitarbeitern, nur zu geringer Popularität. Insgesamt benutzte die Mehrzahl der Teilnehmer Funktionalitäten wie Chat, Sport, Kalender und Navigation.
Zusammengefasst: Ein Wearable ist ein sehr persönliches Gerät. Ähnlich wie beim Smartphone, möchte man es an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Allerdings nimmt ab einer bestimmten Anzahl von Interaktionen, die für die Personalisierung notwendig sind, das Engagement ab und die Motivation sinkt. Die watch-only Apps sind (noch) sekundär, die vorinstallierten Apps und die Satelliten-Apps wie zum Beispiel Instagram oder Kalender haben Vorrang.

Reality Check

Nach zwei Wochen wilden Testens, extremer Nutzung und heftigen Experimentierens ging der Test für alle Teilnehmer zu Ende. Es hieß, eigene Erfahrungen zusammenzufassen und einen abschließenden Kommentar abzugeben. Was war nach dem harten Kampf geblieben? Nun, hauptsächlich Enttäuschung. Die meisten Teilnehmer fanden, dass die Usability von Wearables noch verbesserungswürdig ist. Viele störte es, dass die Wearables zum einen zu stark vom Smartphone abhängig sind, zum anderen die Verbindung zum Smartphone nicht zuverlässig genug ist. Die erwartete Erleichterung des Alltags trat nicht ein.

Auf die Frage, ob sie sich nach dem Experiment ein Wearable anschaffen werden, antworteten die meisten Teilnehmer mit Nein. Grund: Der ROI ist zu niedrig, da der Mehrwert im Vergleich zu den hohen Preisen nicht hoch genug ausfällt. Außerdem stieg die Frustration durch die zahlreichen technischen Probleme AKA Bugs, insbesondere im Bereich Verbindung mit dem Smartphone. Diejenigen, die ihre Erfahrungen als positiv bezeichneten, erläuterten, dass sie im Vorfeld keine besonderen Erwartungen an die Geräte gehabt hatten.
Zusammengefasst: User Experience und Erwartungsmanagement fallen bei Wearables besonders ins Gewicht. Die Marketingabteilungen der Hersteller sollten darauf achten, dass die Geräte ihre Versprechen auf Dauer halten können, sonst kommt es schnell zu Enttäuschungen. Langfristig ist mit sinkenden Preisen für Wearables zu rechnen, es sei denn, die Geräte werden unabhängiger und liefern einen persönlichen Mehrwert (statt nur das Smartphone zu erweitern). Für die Entwickler bedeutet es, dass die Apps hinsichtlich Benutzungskontext und physikalischer Eigenschaften der Geräte angepasst werden sollen. Manche Apps (z.B. Instagram) schaffen das besser als andere (etwa der Kalender auf der Apple Watch).

Folgen des Experiments

Das Experiment lehrt uns, dass Wearables besondere Herausforderungen für QA und Entwicklung mit sich bringen. Nur wenige Personen betrachten Wearables als einen Rechner, sondern vielmehr sind sie etwas, das man am Körper trägt, das uns unterstützt und das Smartphone ergänzt, aber, trotz der Erwartungen, nicht völlig ersetzen kann. Wearables sind persönlicher und kleiner als jedes andere Gerät am Markt heute.

Es ist nicht etwa ein kleines Smartphone, sondern ein stilvolles Accessoire, von dem mehr erwartet wird, als es derzeit bietet. Das Wearable im Regen zu nutzen oder zum Beispiel mit Handschuhen zu bedienen sollte möglich sein. Darin unterscheidet es sich deutlich von den Einsatzbereichen eines Laptop. Das Äußere des Smartphones ist nicht so wichtig wie das Aussehen des Wearable. Nichts trägt man tagsüber so nah am Körper wie seine Uhr. Deswegen ist die Toleranz für Fehler und Unbequemlichkeiten wesentlich geringer als bei “klassischen” Geräten wie Laptops oder Smartphones. Das gilt es in jedem Unternehmen, das am Markt mit seiner Watch-App erfolgreich sein möchte, zu berücksichtigen.

Bild: iStock

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